Artikel Leeuwarder Courant: ‚Jeden Tag einkaufen‘
- (https://kooistra.com/2025/12/16/)
# Eric und Tjitse kauften 202 Seecontainer mit Ware von Blokker. Wie sieht es damit heute aus?
René Smid • 13.12.2025 • Wirtschaft
Tjitse Lawerman (links) und Eric Kooistra im Lager von Kooistra.com an der Apolloweg in Leeuwarden. Foto: Hoge Noorden/Jaap Schaaf
Eric Kooistra und Tjitse Lawerman aus Dokkum haben das Kind in sich nie verloren. Jeden Tag spielen sie bei Kooistra.com in Leeuwarden ‚Kaufladen‘ und kaufen und verkaufen jährlich Hunderttausende Artikel. „Wir müssen nicht unbedingt an jedem Artikel verdienen.“
„Wieder was verdient“, sagt Eric Kooistra (47). Er steht mit seinem Geschäftspartner Tjitse Lawerman (49), dem Fotografen und dem Journalisten bereit, um ins Lager zu gehen, als ein polnischer Lkw-Fahrer anklopft. Ob Kooistra drei Europaletten kaufen wolle, er habe keinen Platz mehr dafür.
Kooistra lehnt freundlich ab, denn was soll er mit nur drei Paletten, sagt dem Fahrer aber, dass er die Paletten trotzdem bei ihm lassen kann. Na ja, das bringt auch ein paar Cent. „Mit ein paar Paletten können wir nichts anfangen, da hätten wir lieber einen vollen Auflieger“, erklärt Kooistra. Das zeigt den Unternehmergeist des Mannes aus Dokkum, der zusammen mit seinem Jugendfreund Tjitse Lawerman unter dem Firmennamen Kooistra.com Restposten ein- und verkauft.
Die schlechte Presse rund um die Insolvenz der Schnäppchenkette Big Bazar hat auch Eric Kooistra und sein Unternehmen getroffen. Er ließ sogar auf der eigenen Website eine Mitteilung veröffentlichen, dass dieser Kooistra, anders als Erics Cousin Jerke, seine Rechnungen sehr wohl bezahlt. „Das hat uns schon Geld gekostet“, sagt Kooistra. „Eine Firma in Amsterdam will einen Bestand verkaufen und sieht jeden Tag den Namen Kooistra in der Zeitung. Dann rufen die eben nicht an. Wir hatten auch Leute am Telefon, die sagten: Sie müssen noch Rechnungen bezahlen. Tja, das waren wir nicht.“
Eric Kooistra und Tjitse Lawerman waren im Dezember letzten Jahres mit einer besonderen Geschichte in den landesweiten Medien: Sie kauften „für ein paar Millionen Euro“ 202 Seecontainer voller Handelsware des insolventen Blokker. Die Container wurden in Heerenveen entladen, und die Bestände liegen jetzt noch in Harlingen, Heerenveen und Leeuwarden, wo das Unternehmen Lagerhallen hat.
„Wir hatten achtzehn Tage, um alles zu entladen“, erzählt Lawerman an einem Tisch im Showroom des Aufkaufbetriebs. „Dafür brauchten wir viele Leute. Wir haben kleine Wettkämpfe daraus gemacht, vier Container an die Rampe gestellt und dann geschaut, wer zuerst leer war.“
Inzwischen ist fast die Hälfte der Blokker-Bestände wieder verkauft, größtenteils an Franchisenehmer der Kette und auch an Roland Palmer, der Blokker neues Leben eingehaucht hat. „Eigentlich kam uns der Blokker-Deal gar nicht gelegen“, blickt Kooistra auf das große Geschäft zurück. „Wir hatten wenig Geld, als die Chance kam, und haben uns Geld von befreundeten Geschäftsleuten geliehen. Über die Bank dauerte es zu lange. Im Handel kauft man heute und bezahlt morgen.“
Handel liegt der Familie Kooistra im Blut. Schon 1935 besuchte Großvater Heerke Kooistra mit einem Lastenrad, dem sogenannten dubbeltjeskar (Groschenkarren), Häuser in und um Damwâld, um Waren zu verkaufen.
Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 kaufte Dirk Kooistra, Erics Vater, Waren in den noch bestehenden Fabriken in Ostdeutschland auf und verkaufte sie in Westeuropa weiter. „Als Teenager sind wir oft mitgefahren“, erzählt Eric Kooistra. „Man versteht schnell, wie Handel funktioniert. Wir haben hart gearbeitet und neben dem Geschäft in Dokkum gewohnt.“
Mit 23 übernahm Kooistra die Hälfte der Anteile am Unternehmen, und zehn Jahre später wurde er Alleininhaber. Lawerman arbeitete ebenfalls in der Firma und wurde irgendwann Geschäftsführer. Inzwischen gehört ihm die Hälfte von Kooistra.com. Das Unternehmen saß jahrelang in Dokkum und ist 2010 nach Leeuwarden umgezogen.
Zurück zur Gegenwart, denn was machen die beiden eigentlich genau? Im Grunde ist es ganz einfach: Posten günstig einkaufen und wieder verkaufen, hoffentlich mit etwas Gewinn. Sie nennen sich auch Gelegenheitskäufer. Wenn ein Unternehmen insolvent wird oder aus einem anderen Grund eine große Ladung Ware loswerden will, kommen Aufkäufer ins Spiel. Sie verhandeln mit dem Verkäufer und hoffen, zu einem niedrigen Preis eine große Menge Ware zu erwerben.
Ein Beispiel ist ein Onlinehändler aus Limburg. „Ein großer Anbieter mit breitem Sortiment“, sagt Kooistra. „Sie wurden von einem anderen Unternehmen übernommen, und ein großer Teil des Sortiments war für den neuen Eigentümer uninteressant. Das haben wir kürzlich gekauft. Es geht um tausend Paletten und 35 Lkw voller Ware, die innerhalb eines Monats weg müssen. Das auszutüfteln und zu organisieren macht uns am meisten Spaß.“
Vor Ort konnte Lawerman bereits fünf Lkw-Ladungen weiterverkaufen, unter anderem Koffersets und Grills. „Das ist reiner Gewinn, wenn man die Ware von dort direkt nach Polen, Rumänien oder Tschechien fahren kann. Das spart eine Fahrt nach Friesland.“
> Ich mache jeden Tag einen Deal
Kooistra und Lawerman haben Kunden auf der ganzen Welt und haben bereits an mehr als siebentausend verschiedene Unternehmen verkauft. „Ich mache jeden Tag einen Deal“, sagt Lawerman. Zur Veranschaulichung zeigt er auf seinem Handy einen Chat mit einem Kunden, der frühmorgens meldet, dass er einen Handelsposten im Wert von 1 Million Euro hat. „Ich rufe ihn später zurück, wir machen gerade das Interview.“
Auch Schlittschuhe gehören zum Sortiment. Foto: Hoge Noorden/Jaap Schaaf
Auch wenn das Gespräch in relativer Ruhe stattfindet, heißt das nicht, dass den Aufkäufern nichts entgeht. Nachrichten und Anrufe strömen weiter herein. Am Ende eines normalen Arbeitstages haben beide zwischen dreißig und vierzig Anrufe verpasst.
Kooistra hat noch 50.000 E-Mails und 248 WhatsApp-Nachrichten offen. „Das wird man nie los“, seufzt er. „Die Leute schicken auch Nachrichten per SMS, LinkedIn und sogar Instagram. Da schaue ich nie rein. Und Deutsche schicken Sprachnachrichten, die muss man dann auch noch abhören. Manchmal würde ich nachts gern aufs Schlafen verzichten, denn Zeit ist immer knapp.“
> Wir haben hier keine Regeln
Am liebsten beschäftigen sich die beiden nur mit dem Kaufen und Verkaufen von Ware. Kunden, die zunächst einen halben Lkw voller Artikel kaufen, bringen sie oft dazu, einen vollen Auflieger mitzunehmen. Häufig mit etwas Rabatt auf andere Produkte. Kooistra: „Man weiß doch, dass niemand mit einem halbleeren Auflieger wegfährt. Dann eben etwas weniger Marge. Wir haben hier keine Regeln und müssen nicht unbedingt an jedem Artikel verdienen.“
Bei Kooistra.com arbeiten zehn Leute. Wenn große Posten eingekauft werden, holen die Unternehmer zusätzlich Leiharbeitskräfte, um alles abzuwickeln. Der Umsatz des Unternehmens schwankt und liegt jährlich zwischen 5 und 10 Millionen Euro. Kooistra: „Das sind keine Zahlen, mit denen man in die Zeitung kommt, aber in diesem Handel mit niedrigen Preisen ist das in Ordnung.“
Zum Gewinn äußern sie sich nicht. „Wenn das zweihunderttausend sind, machen wir etwas falsch“, sagt Lawerman. „Aber 2 Millionen Euro darf man auch nicht erwarten. Wir müssen es hier mit Groschen verdienen.“
Zu bestimmten Zeiten im Jahr kommen diese Groschen auch über die Outlet-Geschäfte herein, die Kooistra.com gehören. Das sind die Maxx-Läden, die in Dokkum und Leeuwarden ab und zu geöffnet sind. Mit kräftigen Rabatten zwischen 30 und 70 Prozent können Kunden dort alle möglichen Waren kaufen.
Diese temporären Geschäfte, oft ein paar Monate geöffnet, gibt es seit 1998. „Die Läden füllen wir mit Ware, und wenn es wieder ein gutes Angebot gibt, machen wir es noch einmal“, erzählt Lawerman.
Die Maxx-Outlets wurden 1998 gegründet. Foto: Hoge Noorden/Jaap Schaaf
Es wird höchste Zeit, sich dieses Angebot im 8000 Quadratmeter großen Lager an der Apolloweg anzusehen. Denn was liegt da eigentlich? Viel zu viel, um es aufzuzählen.
Auf der Website des Unternehmens kann man einen Katalog mit mehr als hundert Seiten herunterladen. Dort liegen zum Beispiel fast 50.000 Pritt-Kleberoller, Zehntausende Grußkarten, 75.000 Mundschutzmasken, 60.000 Kettlebells, Tausende Kochtöpfe, Hunderte Fahrräder und 51.897 Stück Glitzerfarbe. Oder 5394 Geschenktüten aus dem Film-Franchise _Star Wars_(The Force Awakens).
Was sie damit wollen? Manchmal wissen die beiden das selbst nicht sofort, aber für alles gibt es einen Käufer. Und auch die Masken werden noch verkauft, obwohl die Corona-Pandemie längst vorbei ist.
Kooistra und Lawerman zeigen eine riesige Halle voller Tausender und Abertausender Kartons. In der Halle liegen Millionen Produkte. Und das ist längst nicht alles, denn in Harlingen und Heerenveen ist auch noch sehr viel Ware eingelagert.
Das Lager von Kooistra.com an der Apolloweg in Leeuwarden ist randvoll mit Ware. Foto: Hoge Noorden/Jaap Schaaf
Ein weiteres auffälliges Produkt sind fast 150.000 Plüschtiere der Olympischen Spiele 2024 in Paris. Veraltet, könnte man meinen, aber Kinder freuen sich bestimmt darüber. Aber auch Motoröl, Tassen, Gläser, Weihnachtsdeko, Arbeitshandschuhe, Skibrillen, Handtücher, LED-Kerzen, Kissen und Hausschuhe findet man im Lager. Die Liste ist endlos.
Die Mengen schwanken, sagt Kooistra. Aber sie wollen von allem mindestens eine Palette. „Manchmal hat man aber auch eine Million Stück von einem Artikel. Wir zahlen nicht viel, sorgen aber dafür, dass der Verkäufer die Ware los ist. Wir haben einmal Dessous von Hunkemöller gekauft, durften sie aber nicht in Ländern verkaufen, in denen das Unternehmen aktiv ist. Also sind wir mit 100.000 Teilen Dessous nach Curaçao gegangen.“
Kooistra.com kaufte mehr als 100.000 Plüschtiere, die für die Olympischen Spiele 2024 in Paris hergestellt wurden. Foto: Hoge Noorden/Jaap Schaaf
Es steht so viel herum, dass sie manchmal vergessen, was alles da ist. Sie müssen sich zwingen, auch die Ecken aufzuräumen, in die nie jemand kommt. Und ab und zu bleiben Produkte lange liegen, bis sie plötzlich wieder in Mode sind. So kaufte Kooistra einmal 44 Auflieger mit Loom Bands, Gummibändern, aus denen man Armbänder knüpfen kann.
„Das war ein Trendartikel gewesen, und danach wollte ihn kein Mensch mehr haben. Wir zahlten 2000 Euro pro Auflieger, und ein halbes Jahr später kam der Trend in einem anderen Land auf. Wir konnten die Ware mit ordentlichem Gewinn verkaufen. Der Kunde war froh, denn niemand hatte das Produkt noch. Weil wir untypisch arbeiten, haben wir auch mal Glück.“
Das Interview ist noch nicht vorbei, aber Kooistra muss los. Es ist 10.20 Uhr, und eigentlich muss er um 10.30 Uhr in Dokkum sein. Er entschuldigt sich und steigt ins Auto.
> Das ist vielleicht auch nett für Ihren Artikel
Lawerman lässt sich wieder auf einen Stuhl im Showroom fallen und erzählt von Plänen, eine kleine Ladenkette zu eröffnen. Die temporären Outlets laufen so gut, dass sie mehr davon eröffnen wollen.
Kooistra.com arbeitet an einem 2500 Quadratmeter großen Geschäft in Assen, das von Mittwoch bis Samstag geöffnet sein soll. So hat das Unternehmen montags und dienstags Zeit, zu entscheiden, was in der jeweiligen Woche im Laden liegt.
„Das Sortiment wechselt also ständig. Das macht uns auch Spaß. Jede Woche beginnt das Spiel von vorn. Wenn es gut läuft, können wir vielleicht zehn dieser Maxx-Läden eröffnen. Einzelhandel macht Spaß. Möchten Sie den Laden in Leeuwarden sehen? Der ist zufällig gerade geöffnet.“
Lawerman fährt voraus zum Cambuurplein, wo Maxx am letzten Novemberwochenende im ehemaligen Aldi eröffnet hat. Angekündigt wurde das über soziale Medien, und die Kunden kamen in Scharen. Lawerman geht strahlend durch den Laden und zeigt einige Produkte.
„Und jetzt muss ich auch los“, sagt er. „Ich fahre nach Hannover, um mir einen neuen Posten Textilien und Schuhe selbst anzusehen.“ Lachend: „Das ist vielleicht auch nett für Ihren Artikel. Es zeigt, wie viel wir zu tun haben.“
Auch für Weihnachtsartikel ist man bei Kooistra.com richtig. Foto: Hoge Noorden/Jaap Schaaf
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